Wie verändert Cannabis die Fahrweise? Kann eine Beeinträchtigung zuverlässig erkannt werden? Und was passiert mit dem Fahrverhalten, wenn jemand nach dem Konsum von Cannabis ins Auto steigt? Mit diesen und weiteren Fragen beschäftigt sich die REVELIO-Studie der ETH Zürich, der Universität Bern und der Universität St. Gallen. Der ACS durfte einen Einblick in die spannende Forschungsarbeit erhalten und war an einem der Studientage dabei.

Dass Cannabis die Fahrtüchtigkeit beeinträchtigen kann, ist grundsätzlich bekannt. Der psychoaktive Wirkstoff THC kann unter anderem die Reaktionsfähigkeit, Konzentration und Informationsverarbeitung beeinflussen. Auch die Wahrnehmung von Geschwindigkeit und Distanzen kann verändert sein. Dadurch können sich im Strassenverkehr Situationen ergeben, in denen Fahrzeuglenkende langsamer reagieren oder Entscheidungen weniger zuverlässig treffen.
Wie genau sich eine akute Cannabiswirkung auf das Fahrverhalten auswirkt, ist jedoch noch nicht abschliessend geklärt. Hier setzt die REVELIO-Studie an.
Im Rahmen der Studie konsumierten die Teilnehmenden unter kontrollierten Bedingungen Cannabis und fuhren anschliessend ein Fahrzeug auf einer abgesperrten Teststrecke.
Die Studie wurde als randomisierte, kontrollierte Untersuchung konzipiert. Insgesamt waren 45 regelmässige, gesunde Cannabiskonsumierende vorgesehen. Ein Teil der Teilnehmenden konsumierte im Rahmen der Studie eine kontrollierte Menge Cannabis, während eine Referenzgruppe keinen Cannabis konsumierte.
Vor und während der Fahrten wurden zahlreiche Daten erhoben. Dazu gehörten unter anderem biologische Proben zur Bestimmung von THC und seinen Abbauprodukten sowie Daten aus dem Fahrzeug und zur Person am Steuer. Zum Einsatz kamen beispielsweise Fahrzeugdaten, Kameras zur Beobachtung des Fahrers und tragbare Sensoren.
Die Teilnehmenden absolvierten zunächst eine nüchterne Referenzfahrt. Anschliessend folgten standardisierte Fahrten zu unterschiedlichen Zeitpunkten nach dem Cannabiskonsum. So soll untersucht werden, wie sich mögliche Beeinträchtigungen im Verlauf der Zeit verändern.
Ein zentrales Ziel von REVELIO ist die Frage, ob sich eine cannabisbedingte Beeinträchtigung direkt anhand von Daten aus dem Fahrzeug und vom Fahrer erkennen lässt.
Mithilfe von maschinellem Lernen sollen daraus Modelle entwickelt und geprüft werden, die zwischen nüchternem und durch Cannabis beeinflusstem Fahren unterscheiden können.
Das ist insbesondere aus Sicht der Verkehrssicherheit interessant. Denn anders als bei Alkohol lässt sich bei THC nicht einfach anhand eines einzelnen Messwerts sagen, wie stark eine Person zum Zeitpunkt der Fahrt tatsächlich beeinträchtigt ist.


Eine besondere Herausforderung liegt im zeitlichen Verlauf von THC im Körper.
In der Schweiz gilt für Cannabis im Strassenverkehr eine Nulltoleranzregelung. Der derzeitige Grenzwert von 1,5 µg THC pro Liter Blut ist dabei ein Bestimmungsgrenzwert und kein Wirkungsgrenzwert. Er bedeutet also nicht, dass ab genau diesem Wert eine bestimmte Beeinträchtigung der Fahrfähigkeit einsetzt. Auch das Bundesgericht hat festgehalten, dass sich die THC-Konzentration im Blut nicht zuverlässig mit der tatsächlichen Wirkung gleichsetzen lässt.
Damit wird deutlich, weshalb die Forschung auf diesem Gebiet so wichtig ist: Nicht nur der Nachweis von THC ist relevant, sondern die Frage, ob und wie sich eine tatsächliche Beeinträchtigung der Fahrfähigkeit erkennen lässt.
Bei einer Studie, bei der Personen nach kontrolliertem Cannabiskonsum Auto fahren, hat die Sicherheit selbstverständlich höchste Priorität.
Die REVELIO-Fahrten fanden deshalb auf einer gesicherten, geschlossenen Teststrecke statt. Das eingesetzte Fahrzeug verfügte über eine Doppelbedienung, und eine zertifizierte Fahrlehrperson befand sich während der Fahrten an Bord.
Für den ACS war es besonders interessant, diesen Forschungsansatz aus nächster Nähe zu erleben und einen Einblick darin zu erhalten, wie aufwendig und umfassend eine solche Untersuchung aufgebaut ist.
Die vollständige Auswertung der REVELIO-Studie steht noch aus. Deshalb lassen sich zum jetzigen Zeitpunkt noch keine abschliessenden Aussagen darüber machen, wie stark sich der Cannabiskonsum auf das konkrete Fahrverhalten der Studienteilnehmenden ausgewirkt hat oder wie zuverlässig eine Beeinträchtigung anhand der erhobenen Daten erkannt werden kann.
Die Studie könnte einen wichtigen Beitrag dazu leisten, besser zu verstehen, wie sich eine akute Cannabiswirkung beim Autofahren zeigt und welche Möglichkeiten es künftig geben könnte, eine solche Beeinträchtigung objektiver und direkt im Fahrzeug zu erkennen.
Der ACS wird die weitere Entwicklung der REVELIO-Studie verfolgen und über die Ergebnisse berichten, sobald diese veröffentlicht und wissenschaftlich ausgewertet sind.
Text Stefanie Gilgen, Aliya Novo / Bilder ACS, ETH