Renault spielt weiter fleissig mit seiner Vergangenheit. Nach den elektrischen Neuauflagen von R4 und R5 folgt jetzt der dritte Retro-Elektro-Streich in Form des neuen Twingo. Dieser eifert nicht nur in Sachen Design dem Ur-Twingo nach.

Charmanter Augenaufschlag, praktisches One-Box-Design und bunte Farben definierten den ersten Renault Twingo von 1993. Der wurde 15 Jahre lang fast unverändert gebaut und gehört mit über 2,6 Millionen verkauften Einheiten zu den grössten Erfolgen in Renaults Markengeschichte. Das Twingo-Ur-Rezept wieder aufzuwärmen, macht also Sinn. Schliesslich hat Ähnliches bei den elektrischen Neuauflagen von Renault 4 und Renault 5 schon wunderbar funktioniert.
Während diese beiden Retro-Stromer bis auf das Design nicht mehr allzu viele Gemeinsamkeiten mit ihren Vorfahren haben, liegt der grösste Unterschied zwischen Ur- und Neo-Twingo abgesehen von zwei Extratüren beim Antrieb. Die nunmehr vierte Generation ist vollelektrisch, ansonsten aber eine Art moderne Spiegelung des Originals. Nicht nur optisch, sondern auch bezüglich Raumkonzept inklusive um 17 Zentimeter verschiebbarer Rücksitze.
Dass der neue alte Twingo ausschliesslich elektrisch fährt, gehört zu Renaults Retro-Bingo-Regeln: entweder mit Strom oder gar nicht. Am Geld soll es nicht scheitern. CHF 18'900.– kostet die Basisversion evolution, CHF 20'900.– der besser ausgestattete techno (unter anderem Klimaautomatik, Abstandstempomat und Google-Integration im 10,1-Zoll-Multimedia-System). Klar, früher war ein knapp 3,8 Meter kurzes Auto günstiger. Aber für heutige Verhältnisse, die umfangreiche Ausstattung und nicht zuletzt ein Elektroauto, ist der Preis richtig heiss.
Umso mehr, weil der elektrische Twingo bei unserer ersten Testfahrt auf Ibiza durchaus begeistern konnte. Der kleine Renault, der auf der gleichen Plattform wie die grösseren Brüder R4 und R5 steht, fühlt sich ausgesprochen erwachsen an. Lenkung und Fahrwerk hinterlassen einen positiven Eindruck. Letzteres ist an der Hinterachse weniger aufwendig konstruiert als bei R4 und R5, der Twingo muss auf deren vielgelobte Multilink-Aufhängung verzichten. Das sorgt bei sehr groben Bodenwellen teils für ein etwas unruhiges Heck, unter dem Strich ist das Fahrverhalten aber richtig gut – auch dank des recht grossen Radstands von 2,49 Metern.


Der Antrieb überzeugt prinzipiell genauso – trotz nur 60 kW (82 PS) und 175 Nm. Weil der Elektro-Twingo weniger als 1,3 Tonnen wiegt, hat die E-Maschine an der Vorderachse leichtes Spiel, beschleunigt das Auto binnen 3,5 Sekunden von null auf 50 km/h. Das tiefe Gewicht ist primär auf die kleine LFP-Batterie mit 27,5 kWh Kapazität zurückzuführen. Dank nur 12,2 kWh WLTP-Verbrauch soll der Twingo gleichwohl 263 Kilometer am Stück schaffen.
Bei unserer Testfahrt blieben wir sogar unter 12 kWh, weil wir emsig die vierstufig verstellbare Rekuperation samt One-Pedal-Drive nutzten (Serie bei techno). Allerdings gibt’s auf Ibiza keine Autobahnen, schneller als 100 km/h fuhren wir nie. Doch der Twingo ist sowieso bei 130 km/h abgeregelt und lädt mit maximal 50 kW nicht gerade zügig. Schon der Ur-Twingo war eben kein Langstreckenfahrzeug, sondern eher urbaner Alltagsbegleiter.
Text Simon Tottoli / Bilder Werk