Wenn der Markt sich scheinbar für SUVs entschieden hat, erinnert der
neue Audi A6 Avant daran, dass es noch einen anderen Weg gibt: tiefer, eleganter und natürlicher zu fahren – hocheffizient und zugleich bestens für lange Reisen geeignet.
Eine klassische Formel, aber alles andere als überholt.

Es gab eine Zeit, gar nicht so lange her, in der die grossen Audi-Kombis zum festen Bild auf Schweizer Strassen gehörten. Man sah sie in den Innenstädten, in den Skigebieten des ganzen Landes, in der Kolonne am Gotthard, diskret auf der Überholspur und auf den Parkplätzen von Supermärkten und grossen Unternehmen. Immer. Dann kamen die SUVs, zuerst als Alternative, später als neue Normalität. Und so begann selbst ein grosser Klassiker wie der Audi A6 Avant fast aus dem kollektiven Blickfeld zu verschwinden, obwohl er für alle, die wirklich reisen, weiterhin eine der sinnvollsten Lösungen darstellt.
Der neue A6 Avant e-hybrid quattro setzt genau hier an: bei der Idee, dass ein grosser Kombi noch sehr viel zu sagen haben kann. Vielleicht sogar heute mehr denn je. Denn einerseits bietet er alles, was man von einem modernen Oberklasse-Audi erwartet - Technologie, Komfort, Effizienz, Dynamik und wahrgenommene Qualität. Andererseits bewahrt er jene natürliche Art der Nutzung, die SUVs trotz ihrer Dominanz nicht immer mit derselben Konsequenz vermitteln können.
Optisch fügt sich der neue A6 in die jüngste Designsprache der Marke mit den vier Ringen ein, ohne anonym zu wirken. Er ist kein S, geschweige denn ein RS, zeigt in dieser Konfiguration aber eine dynamischere und eigenständigere Präsenz, als man erwarten würde. Die Front ist markant, doch vor allem die deutlich ausgeformten hinteren Flanken und die gestreckte Dachlinie verleihen ihm einen sportlicheren Charakter als das traditionelle Bild des grossen Avant aus Ingolstadt. Er zieht mehr Blicke auf sich als erwartet, ohne grosse Effekte bemühen zu müssen. Und das ist für einen "normalen" A6 bereits ein kleiner Perspektivenwechsel.
An Bord findet man sofort jene gepflegte und angenehme Atmosphäre wieder, die zum Ruf des Modells und im weiteren Sinne, der Marke beigetragen hat. Die wahrgenommene Qualität ist hoch, mit edlen Materialien an vielen Stellen: Leder auf dem Armaturenbrett, Alcantara-Einsätze an Türen und Cockpit sowie eine allgemeine Liebe zum Detail, die den Innenraum nahe an Fahrzeuge rückt, die sogar über das Premiumsegment hinausgehen. Die Technologieausstattung ist sehr reichhaltig und kann anfangs wegen der vielen Bildschirme und Funktionen fast überfordern. Im Alltag funktioniert das Ganze jedoch: Die Kombination aus physischen Bedienelementen und Touchflächen ist gelungen, das haptische Feedback überzeugt und die wichtigsten Funktionen bleiben leicht erreichbar.


Nicht alles ist jedoch perfekt. Der Kofferraum ist tief, aber nicht besonders hoch, beeinträchtigt durch die geneigte Linie der Heckscheibe, die zwar zur schlankeren Silhouette beiträgt, aber die Ladehöhe einschränkt. Auch das Platzangebot für die Fondpassagiere ist angemessen, wirkt gemessen an den Aussenabmessungen aber nicht übermässig grosszügig. Sehr überzeugend ist dagegen der Fahrerplatz: vielfach verstellbar, leicht sportlich, mit tiefer Sitzposition, ausgestreckten Beinen und ziemlich steil stehendem Lenkrad. Man hat nicht das Gefühl, die Strasse von oben zu dominieren wie in einem SUV, sondern ein integraler Teil des Autos zu sein. Genau hier beginnt der A6 Avant daran zu erinnern, warum diese Formel eine Wiederentdeckung verdient.
Technisch kombiniert er einen 2.0-TFSI-Vierzylinder mit 252 PS und einen in das siebengängige S-tronic-Getriebe integrierten Elektromotor. Die Systemleistung gibt es in zwei Stufen: 299 oder 367 PS, wie bei unserem Testwagen. Der Antrieb erfolgt selbstverständlich über alle vier Räder, während die Hochvoltbatterie eine Kapazität von 25,9 kWh besitzt. Doch jenseits der Zahlen überzeugt vor allem, wie sich das Hybridsystem in den Alltag einfügt.
Die reale Reichweite nähert sich der Marke von 100 km und erlaubt es, einen grossen Teil der täglichen Fahrten ohne Einschalten des Benzinmotors zurückzulegen. Bemerkenswert ist auch die Effizienz bei vollständig leerer Batterie: Mehr als 7 l/100 km werden nämlich kaum erreicht - ein beachtliches Ergebnis angesichts von Masse, Abmessungen und verfügbarer Leistung.
Im täglichen Gebrauch zeigt sich die beste Seite dieses Autos: der Komfort. Der A6 Avant e-hybrid ist ausgesprochen entspannend, sehr gut schallgedämmt und in der Lage, Unebenheiten mit einer Gelassenheit zu absorbieren, die bisweilen an luxuriöse englische Automobile erinnert. Dieser Eindruck wird noch verstärkt, wenn man allein den Elektromotor nutzt: Dann bewegt sich der A6 lautlos und mit jener Geschmeidigkeit, die jede Fahrt entspannter macht.
Doch auch wenn der Verbrennungsmotor anspringt, erfolgen der Wechsel und die Zusammenarbeit der beiden Antriebe diskret und sauber geregelt, ohne Ruckeln oder Zögern. Auf der Autobahn zeigt er - fast selbstverständlich - die Fähigkeit, lange Strecken mühelos zu bewältigen, mit hoher Richtungsstabilität, gut gefilterten Geräuschen und einem insgesamt soliden Gefühl.


Wenn man das Tempo erhöht, bestätigt der A6 eine insgesamt überzeugende Fahrdynamik. Er ist kein reiner Sportwagen und will auch keiner sein, bewegt sich in Kurven aber agiler, als man erwarten würde. Wank- und Nickbewegungen sind vorhanden, bleiben jedoch stets gut kontrolliert, während die hohe Traktion es ermöglicht, den verfügbaren Schub sicher zu nutzen.
Die Fahrleistungen überzeugen vor allem in der ersten Beschleunigungsphase, in der der unmittelbare Beitrag des Elektromotors für eine prompte und kräftige Reaktion sorgt. Wenn dieser Beitrag nachlässt, liefert der Verbrennungsmotor weiterhin angemessene, wenn auch weniger brillante Leistungen. Im realen Einsatz, geprägt von Teillastbeschleunigungen und ständigen Lastwechseln, ist der Unterschied kaum spürbar: Das Auto bleibt stets geschmeidig, angenehm und ausreichend spontan.
Die Lenkung ist direkt und benötigt wenig Lenkwinkel, stellt aber zugleich den am wenigsten überzeugenden Teil des dynamischen Pakets dar. Die serienmässige Allradlenkung ist in der Stadt und beim Manövrieren sehr nützlich, wo sie das Auto handlicher macht, als es die Abmessungen vermuten lassen. Fährt man jedoch entschlossener, bringt sie in der ersten Einlenkphase eine gewisse Überreaktion ins Spiel, die eine kurze Eingewöhnung und einen sauberen Fahrstil verlangt. Nichts, was die Gesamtwirkung beeinträchtigen würde, aber es ist ein Punkt, den man kennen sollte - und leider bei vielen Fahrzeugen mit lenkender Hinterachse anzutreffen ist.
Am Ende überzeugt der Audi A6 Avant e-hybrid gerade deshalb, weil er das Konzept des Familienautos nicht neu erfinden will. Er aktualisiert es mit Kompetenz. Er ist komfortabel, leise, technologisch und effizient, aber auch angenehmer zu fahren, als man erwarten würde. Er hat nicht die imposante Präsenz eines SUV und läuft vielleicht genau deshalb heute Gefahr, unterschätzt zu werden.
Wer aber viele Kilometer fährt, echten Komfort sucht, oft elektrisch unterwegs sein möchte und nicht hoch sitzen muss, um sich am Steuer eines repräsentativen Autos zu fühlen, sollte ihn wiederentdecken. Denn gewisse Klassiker hören nicht auf, Sinn zu ergeben. Eher sind wir es, die sie vorübergehend vergessen haben.
Text Benjiamin Albertalli / Bilder zVg