Fünfzig Jahre später, fast allein

Nach einer schnellen Kurvenfolge am Steuer des Golf GTI Edition 50 dachte man, seine Lenkung sei zwar straff und mitteilsam, aber nicht so scharf wie jene der besten Konkurrenten. Dann fragte man sich: Welche Konkurrenten?

VW GTI Edition 50

Vor fünfzig Jahren trug der erste GTI dazu bei, die Klasse der sportlichen Kompaktwagen zu begründen; heute ist davon praktisch nichts mehr übrig. Der Honda Civic Type R hat Europa verlassen, Renault Sport wurde aufgelöst, die Produktion des hervorragenden Hyundai i30 N ist beendet, Opel hat das Feld geräumt, und auch der Ford Focus ST ist längst nur noch eine Erinnerung. Ausserhalb des Volkswagen-Konzerns – dort gibt es noch den «Cousin» CUPRA Leon – verteidigt der Golf die Idee des sportlichen frontgetriebenen Kompaktwagens praktisch allein. Was als Test des Edition 50 – des leistungsstärksten je in Serie gebauten GTI – gedacht war, verwandelte sich so, ohne dass man es vorausgesehen hätte, in eine Art Abschied.

Der Zweiliter-Turbomotor leistet 325 PS und 420 Nm. Ein Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe und eine elektronisch geregelte Differenzialsperre übertragen die Kraft auf die Vorderräder: Von 0 auf 100 km/h vergehen 5,3 Sekunden, die Höchstgeschwindigkeit beträgt 270 km/h. Das optionale, aber sehr empfehlenswerte Performance-Paket des Testwagens umfasst ein um weitere 5 mm abgesenktes Fahrwerk, geschmiedete 19-Zoll-Räder und eine Titanabgasanlage; anstelle der vorgesehenen Semislicks Bridgestone Potenza Race waren jedoch die vielseitigeren Potenza Sport montiert.

VW GTI Innenraum
VW GTI Motor Edition

Am Steuer fällt zunächst die Solidität der Vorderachse auf. Das Einlenken ist spontan, und die direkte, straffe Lenkung liefert enorm viele Informationen. So lassen sich die Arbeit der Vorderräder, der Fahrbahnbelag und die verbleibenden Haftungsreserven sehr genau erfassen. Wirklich bemerkenswert. In der Kurve liegt der Wagen wie ein Brett, und selbst bei schnellen Richtungswechseln ist die Stabilität extrem hoch. Für meinen Geschmack sogar zu hoch. Beim «ganz normalen» Golf GTI 8.5 mit 265 PS hatte mich der Kompromiss zwischen Stabilität und Agilität des Hecks besonders überzeugt; der Edition 50 reagiert dagegen nur wenig auf Lastwechsel und ist weniger verspielt, als man es sich von einer derart spezialisierten Version wünschen würde. Damit verliert er etwas von seiner natürlichen Lebhaftigkeit.

Die 325 PS erinnern ausserdem daran, dass sich die Physik nicht ausser Kraft setzen lässt. In den ersten beiden Gängen kann die gesamte Leistung nicht immer auf die Strasse gebracht werden. Der Golf bewältigt diese Aufgabe jedoch recht wirkungsvoll und behält – wichtig – selbst bei durchdrehenden Reifen eine gute Richtungsstabilität. Am Ausgang enger Kurven empfiehlt es sich bisweilen, früh in den dritten Gang zu schalten und den kräftigen Durchzug des Motors im mittleren Drehzahlbereich zu nutzen, der bis in den roten Bereich anhält.

Der Edition 50 scheint somit dafür gemacht zu sein, auf schnellen Strecken sein Bestes zu geben: mit sattem Kurvenhalt, bemerkenswerter Stabilität und guter Traktion. Dazu tragen der negative Sturz von 2 Grad an der Vorderachse, aber auch die zahlreichen Änderungen an der Aufhängung und die straffere Abstimmung bei, die auf Bodenwellen spürbar wird. Die Dämpfung bleibt dennoch wirkungsvoll, und abgesehen von besonders schlechten Abschnitten treten keine ungewöhnlichen Reaktionen auf. Obwohl diese Version weder speziell für Trackdays entwickelt wurde noch ein echtes «Track Tool» ist, kann sie einen Ausflug auf die Rennstrecke problemlos verkraften: Die Abstimmung mag nicht die emotionalste sein, doch sie wird sich bestimmt keine Blösse geben. Zumal sie jedem ermöglicht, schnell zu fahren und sich dabei sicher zu fühlen – selbst bei deaktivierter Elektronik. Diese arbeitet, einschliesslich des ABS, ausgezeichnet.

Die von Benny Leuchter auf der Nordschleife erzielte Zeit von 7’44”523 – ein neuer Rekord für ein frontgetriebenes Serienfahrzeug – belegt, wie schnell und wirkungsvoll der Edition 50 ist. Fast ironisch stellt sich jedoch die Frage nach dem Sinn dieses Rekords: 1976 bereitete der Golf GTI einer ganzen Generation von Konkurrenten den Weg; heute, ausgerechnet während er ein halbes Jahrhundert Geschichte feiert, hat er kaum noch jemanden, den er herausfordern kann.

GTI Editio 50

Text Benjiamin Albertalli / Bilder zVg

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