Vom Talent zum Ass

Julien Apothéloz - Rennfahrer einer jungen Generation

Julien Apothéloz steht für eine Generation junger Rennfahrer, die Talent mit Professionalität verbindet. Konstante Leistungen abliefern, hart an sich arbeiten und den Willen, sich immer weiterzuentwickeln, ­stehen für den 25-Jährigen im Vordergrund.

Bereits als Vierjähriger entdeckt Julien Apothéloz seine Leidenschaft für Geschwindigkeit. Während andere am Wochenende ausschlafen oder Fussball spielen, verbringt er seine Freizeit an Rennstrecken. Benzingeruch, quietschende Reifen und ölverschmierte Hände sind für ihn so selbstverständlich, wie für andere der Sonntagsbraten. «Ich war von den Autos, der Geschwindigkeit und der ganzen Atmosphäre fasziniert», sagt Apothéloz. «Erst recht, als ich das erste Mal auf dem Circuit von Anneau du Rhin neben meinem Vater in dem Lotus Exige zwei oder drei Runden mitfahren durfte.»

Mit Allied Racing schaffte Apothéloz den Aufstieg ins GT3–Auto.
Mit Allied Racing schaffte Apothéloz den Aufstieg ins GT3–Auto.

Von den Assen lernen

«Als ich dann im Alter von neun Jahren begann, Kart zu fahren, war das ein Riesentraum, der für mich in Erfüllung ging.» Doch nur mit Talent allein gewinnt man im Motorsport keine Rennen. Hinter jedem schnellen Fahrer stecken unzählige Trainingsstunden, Fitnessprogramme, Datenanalysen und ein eiserner Wille, sich ständig zu verbessern. Wer glaubt, Rennfahrer würden nur Gas geben und am Lenkrad drehen, hat vermutlich auch den Eindruck, Schach bestehe nur daraus, Figuren hin- und herzuschieben. In der Rotax Max Challenge sammelt Apothéloz von 2010 bis 2018 zahlreiche Erfolge und gewinnt vier nationale Meistertitel in unterschiedlichen Kategorien.

Den entscheidenden Karriereschub bringt ihm 2018 der Gewinn der «AutoScout24 & Cupra Young Driver Challenge». Gegen über 1'000 Bewerbern und unter Anleitung von Nico Müller oder Fredy Barth setzt sich Apothéloz durch. Plötzlich wird aus dem vielversprechenden Nachwuchsfahrer ein Pilot, der sich auf den Rennstrecken Europas beweist. Seine ersten Einsätze im Tourenwagensport machen schnell deutlich, dass der Schweizer gekommen ist, um vorne mitzufahren. Während viele Jugendliche noch für ihre Fahrprüfung büffeln, sammelt Apothéloz Podestplätze im professionellen Rennsport – ohne offizielle Fahrerlaubnis. Das ist wohl eine der wenigen Lebensläufe, bei denen man sagen kann: Einparken ist vermutlich schwieriger als die erste Schikane.

Nach GT3 und Prototypen ist Julien ­Apothéloz zurück in der GT4–Serie.
Nach GT3 und Prototypen ist Julien ­Apothéloz zurück in der GT4–Serie.
Lernen von den Assen: Von Nico Müller (rechts) holte sich Apothéloz (Mitte) einige nützlich Tipps und Ratschläge.
Lernen von den Assen: Von Nico Müller (rechts) holte sich Apothéloz (Mitte) einige nützlich Tipps und Ratschläge.

Erfolg zahlt sich aus

In der ADAC TCR Germany entwickelt sich der Zürcher 2019 rasch zu einem der stärksten Nachwuchsfahrer. «Schon in meinem Debütjahr mit dem Schweizer Team TOPCAR Sport – geführt von Ruedi und Ronny Jost – konnte ich die Saison als zweitbester Rookie beenden», sagt Apothéloz, der neben der Leichtathletik auch das Turmspringen als eines seiner Hobbys betreibt. Fortan kommt die Apothéloz-Lawine ins Rollen.

Seine Erfolge bleiben nicht unbemerkt. Apothéloz: «2020 erhielt ich einen Vertrag für die ADAC GT4 Germany beim Mercedes-AMG-Rennstall HTP WINWARD Motorsport.» Er zahlt das in ihn gesetzte Vertrauen mit Siegen und Podestplätzen zurück und schrammt in seinem GT4-Debütjahr nur knapp am Meistertitel vorbei. Schnell wird deutlich, dass seine Stärke nicht nur in spektakulären Überholmanövern liegt. Er gehört zu den Fahrern, die Reifen schonen, das Rennen lesen und wissen, wann Angriff und wann Geduld gefragt sind.

Karrieresprung

Plötzlich scheinen sich die Geschehnisse in der Karriere von Apothéloz zu überschlagen. Ex-DTM-Ikone Bernd Schneider, der ihn seit jeher als Mentor berät, nimmt ihn unter seine Fittiche und verschafft ihm den Aufstieg in den GT3–Sport – und das noch dazu in einem neuen Team. Bei Allied Racing mit Teamchef Jan Kasperlik, der ihm 2020 den Meistertitel vor der Nase weggeschnappt hat, steigt Apothéloz auf einen Porsche 911 GT3 R um. In der GT World Challenge und weiteren Langstrecken-Einsätzen sammelt er wertvolle Erfahrungen.

Apothéloz arbeitet akribisch. Er analysiert Daten, diskutiert Set-ups und beschäftigt sich intensiv mit der Technik seines Fahrzeugs. Das klingt zunächst wenig spektakulär, macht aber oft den Unterschied zwischen einem guten Fahrer und einem Sieger aus. Während andere nach dem Training vielleicht zuerst nach dem Kaffee fragen, möchte er häufig wissen, warum Kurve sieben zwei Zehntel langsamer war als im vorherigen Stint.

Im ersten TCR–Jahr war der Zürcher zweitbester ­Rookie.
Im ersten TCR–Jahr war der Zürcher zweitbester ­Rookie.
Zwei dritte Gesamtränge und etliche Siege feierte der 25–Jährige bei den Protoypen.
Zwei dritte Gesamtränge und etliche Siege feierte der 25–Jährige bei den Protoypen.

Vielversprechender Aufstieg

Nach zwei Jahren wechselt Apothéloz erneut die Fahrzeugklasse und steigt in den Prototypensport auf. Im ADAC Prototype Cup startet er in der LMP3-Klasse für das Team von Rinaldi Racing. Auf einem Duqueine D-08 etabliert er sich dank mehrerer Siege und Podestplätze als einer der schnellsten Fahrer im Feld. Das bleibt auch so, als er 2024 zum Traditionsteam BWT Mücke Motorsport wechselt. Erneut glänzt er mit starken Leistungen, wird 2023 Vizemeister und 2024 Gesamtdritter. «Leider wurde der ADAC Prototype Cup eingestellt, da die Fahrerfelder immer kleiner wurden. Sie wäre mit Sicherheit ein gutes Sprungbrett geworden, um den nächsten Schritt gehen zu können», sagt Apothéloz. Und sein Weg in die World Endurance Challenge scheint vorgeebnet zu sein: «Gerne hätte ich den Schritt gewagt. Es kamen auch erste Anfragen aus der ELMS – unter anderem für die LMP2. Aufgrund von Sponsorenthemen konnte ich diese Pläne aber nicht verwirklichen.»

Also macht der gebürtige Gockhausener das einzig Richtige. Er kehrt 2025 mit BWT Mücke Motorsport und dem Mercedes AMG GT4 in die ADAC GT4 Germany zurück. «Vielleicht ist es ja tatsächlich besser, einen Schritt zurückzugehen, um dann zwei wieder nach vorne zu machen», hofft Apothéloz. Einen hat er schon geschafft. Nach einer für ihn eher enttäuschenden Saison wechselt er 2026 zu SR Motorsport by Schnitzelalm in die GT4 European Series. Der 25-Jährige verstärkt das Team bei seinen internationalen Einsätzen. Dafür läuft es aktuell sehr gut. Während er in der Fahrertabelle durch die verpassten Auftritte – sie sind den Terminüberschneidungen mit Apothéloz’ Nordschleifenprogramm geschuldet – im Mittelfeld rangiert, führt SR Motorsport by Schnitzelalm momentan die Europameisterschaft an.

Doch wohin führt seine Reise im Motorsport? Er ist schnelllebig. Manchmal genügt ein Rennen, um Türen zu öffnen, manchmal schliessen sie sich genauso rasch wieder. Doch wer seinen bisherigen Karriereweg betrachtet, erkennt ein klares Muster: Der Schweizer, der gerade seine Masterarbeit an der HSG in St.Gallen absolviert, hat sich nie auf Abkürzungen verlassen. Er arbeitet sich Schritt für Schritt nach oben, entwickelt sich weiter und bleibt erstaunlich gelassen. So ist davon auszugehen, dass Julien Apothéloz dem internationalen GT–Sport erhalten bleiben wird.

Text Jörg Petersen / Bilder zVg

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