Audi Formel 1

Tanz auf dem Vulkan

Rallye, DTM, GT3, LMP oder Dakar. Es gibt kaum eine Serie im Motorsport, in der Audi nicht für Furore sorgte und Titel einfuhr. Bis auf die Formel 1. Genau da will man ab 2026 um Ruhm und Ehre kämpfen – und ab 2030 um die WM-Krone.

Audi hat eine überaus erfolgreiche Geschichte in fast allen Serien des Motorsports. Jetzt folgt mit der Königsklasse Formel 1 die grösste Herausforderung überhaupt.
Audi hat eine überaus erfolgreiche Geschichte in fast allen Serien des Motorsports. Jetzt folgt mit der Königsklasse Formel 1 die grösste Herausforderung überhaupt.

Die Präsentation des neuen Formel-1-Boliden R26 Concept rührte Audi mit der grossen Kelle an – und nicht etwa in Ingolstadt. Im Brand Experience Center in unmittelbarer Nähe des Münchener Flughafens und nur ein paar Kilometer entfernt vom Premium-Konkurrent BMW präsentierten die «Ringkämpfer» 115 Tage vor dem Start in die WM-Saison 2026 ihren Boliden. Ein Showcar wohlgemerkt. Jungfräulich und noch ohne die Kleber der bereits feststehenden Hauptsponsoren Adidas, bp oder Revolt verziert.

Mitte Januar 2026 wird der R26 in der Originallackierung präsentiert, wie er erstmals bei den offiziellen FIA-Tests in Barcelona (26.–30. Januar 2026) unter Ausschluss der Öffentlichkeit und Bahrain (11.–13. Februar, 18.–20. Februar 2026) die Formel-1-Mission unter die Räder nehmen wird, bevor es am 8. März 2026 in Melbourne/Australien erstmals zur Sache geht.

Drei Newcomer

Finanziell steht das Formel-1-Projekt jedenfalls auf gesunden Beinen. Dank der signifikanten Minderheitsbeteiligung des katarischen Staatsfonds Qatar Investment Authority QIA sind rund ein Drittel in arabischer Hand. Und auch die Rückendeckung von Audi-Vorstandsboss Gernot Döllner hat das Team. Er erbte das Projekt von Vorgänger Markus Duesmann. Und sein Plan steht: «Wir gehen nicht in die Formel 1, um nur dabei zu sein. Wir wollen gewinnen und ab 2030 um den WM-Titel kämpfen.»

Einen besseren Zeitpunkt für den Einstieg in die Königsklasse des Motorsports hätte sich Audi nicht aussuchen können. Aufgrund des FIA-Reglements müssen alle F1-Teams für die 2026er-Saison ein komplett neues Auto auf die Räder stellen. Mit Cadillac und Ford entern ebenfalls zwei neue Hersteller die F1-Showbühne. Und auch Honda kehrt zurück. So wird jeder mit seinen Problemen, ob gross oder klein, zu kämpfen haben.


Geballte Ladung F1-Know-how

Doch bei Audi will man nichts dem Zufall überlassen. Mit dem ehemaligen Red-Bull-Mann Jonathan Wheatley, der mit sechs Konstrukteurs- und sieben Fahrer-WM-Titeln im Gepäck antritt, sowie Mattia Binotto, der bis 2022 die Fäden von Ferrari in den Händen hielt, hat man sich zwei erfahrene F1-Manager nach Hinwil geholt. Während der Brite die Funktion des Teamchefs übernimmt, verantwortet der Italiener die Entwicklungsarbeiten an den Standorten Hinwil, Neuburg und dem Technikbüro im englischen Bicester. Letzteres, im Grossraum Silverstone gelegen, verschafft dem Team Zugang zum weltweit grössten Pool an Motorsport-Know-how und -talenten. 

«In den ersten zwei Jahren werden wir die Herausforderer sein und auch an unseren Fehlern wachsen», prognostiziert Binotto. «Danach wollen wir erste Erfolge feiern, um 2030 dann um den WM-Titel zu kämpfen.» Kämpferisch gibt sich dagegen Wheatley: «Bei diesem Projekt geht es um die richtige Einstellung, Fokus, Belastbarkeit und Selbstvertrauen ohne Selbstzufriedenheit. Wir werden Rückschlägen begegnen, doch jeder wird eine Lernerfahrung sein, die uns nur stärker macht.»

Jonathan Wheatley, Teamchef Project
Jonathan Wheatley, Teamchef Project

Breite Infrastruktur

Die Chassis- und Windkanalarbeiten obliegen den rund 700 Sauber-Angestellten, die fast alle vom aktuellen Sauber-Ferrari-Team übernommen wurden. Alles, was den Motor betrifft, angefangen von der Entwicklung und Konstruktion bis hin zu den Tests auf dem Prüfstand, werden durch die 430 Ingenieure und Mechaniker in Neuburg erledigt. Der rund 400 kW/550 PS starke 1,6-Liter-V6-Motor sowie der 350-kW-Elektromotor entstanden auf einem weissen Blatt Papier – ohne das Mitwirken von VW oder Porsche. Ein erstes Fire-up soll noch vor Weihnachten stattfinden.

Erfahrung trifft Talent

Getreu der Devise «never change a winning team» setzt Audi bei der Zusammensetzung der Fahrerpaarung auf Erfahrung und Jugend. Schon in der abgelaufenen Saison harmonierten die beiden Sauber-Piloten Nico Hülkenberg und Nachwuchstalent Gabriel Bortoleto bestens. Mit rund 250 GPs zählt der Deutsche zteamu den erfahrensten F1-Piloten. Dass er sich aber auch auf fremdem Terrain schnell zurechtfindet, stellte «Hulk» 2015 unter Beweis, als er mit dem Porsche-Werksteam den prestigeträchtigen Le-Mans-Sieg holte.

Bereits 2013 war Hülkenberg Teil des Sauber-Teams, zu dem er 2025 zurückkehrte und in Silverstone sein erstes Formel-1-Podium holte. Bortoleto absolvierte im vergangenen Jahr seine erste komplette Formel-1-Saison für Sauber und entpuppte sich als fleissiger Punktesammler. Vorher heimste der 20-jährige Brasilianer die Meistertitel in der FIA Formel 3 und der FIA Formel 2 2023 beziehungsweise 2024 ein.

Schön, dass auch ein Schweizer im zukünftigen Audi F1 Team aktiv mitmischt – und das von Anfang an. Seit Juni 2023 fungiert Neel Jani als Simulatorfahrer für die Antriebsentwicklung im Audi-F1-Projekt. Er wird dem Team auch weiterhin seine Dienste zur Verfügung stellen.

Nico Hülkenberg, Fahrer
Nico Hülkenberg, Fahrer
Gabriel Bortoleto, Fahrer
Gabriel Bortoleto, Fahrer

Kein leichter Weg

So gesehen ist Audi bereit für die Formel 1. Seit dem Frühjahr 2022 wird alles der Formel 1 untergeordnet. Selbst die DTM und der doch weltweit rentable Kundensport fielen dem Projekt zum Opfer. Jetzt steht alles und jeder in den Startlöchern und fiebert dem Formel-1-Saisonstart entgegen. Doch es wird kein einfacher Weg werden. Das haben auch schon andere Teams und Hersteller in der Vergangenheit feststellen müssen.

Allen voran die Liaison von Sauber Motorsport mit BMW, die nach drei Jahren im Streit ein jähes Ende fand. Damit genau so ein Vulkan nicht wieder ausbricht und Sauber zu alter Stärke zurückfindet, darauf wird Audi gut vorbereitet sein. Und vielleicht wird ja dann aus dem Projektnamen Audi One tatsächlich ein Weltmeisterteam.

Mit seiner minimalistischen, aber kraftvollen Farbgebung aus Titanium-Grau, Carbon-Schwarz und dem neuen Audi-Rot zeigt der Bolide die neue Designphilosophie: klar, technisch, emotional
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Renault Clio Heck

Text Jörg Petersen / Bilder Audi AG/Jörg Petersen

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