Rahel Frey hat die Seiten gewechselt. Nach
dem unerwarteten Aus des Iron-Dames-Programms hat sich die Solothurnerin dem
belgischen WRT-Team angeschlossen. Als Sporting Director GT verantwortet sie
die sportliche Ausrichtung und Koordination des BMW-GT-Programms in der GT
World Challenge Europe, der Intercontinental GT Challenge sowie in der
LMGT3-Klasse der FIA World Endurance Championship WEC.

Rahel Frey war nie jemand für den gemütlichen Mittelstreifen des Lebens. Während andere noch abwogen, ob sie links oder rechts überholen sollen, hatte sie die Entscheidung längst getroffen – und befand sich schon im Windschatten der Konsequenzen.
Mit 40 Jahren hat die Schweizerin im Februar die Perspektive gewechselt. Ein Schritt, der auf den ersten Blick wie ein Rollenwechsel wirkt, in Wahrheit aber eher eine Erweiterung ihres Spielfelds ist. Statt Helmfrisur trägt sie jetzt Headset, statt Lenkrad hält sie die Fäden eines komplexen Systems in der Hand.
Renndirektorin beim belgischen Team WRT – das klingt ein wenig so, als würde man vom Solisten zum Dirigenten eines ganzen Orchesters werden. Doch wie kam es zu diesem unerwarteten Wechsel? «Nach dem letzten WEC-Lauf in Bahrain lag der Fokus auf der kommenden Saison», sagt Frey. «Das Team absolvierte Rookie-Tests sowie Videodrehs, und wir testeten danach noch zwei Tage weiter. Es war alles parat für die 2026er-Saison. Bei der Rückkehr nach Zürich bekam ich dann einen Anruf, in dem man mir mitteilte, dass das Iron-Dames-Projekt beendet ist. Warum, wieso und weshalb, weiss ich bis heute nicht.»
Wer denkt, dass Rahel Frey deswegen den Kopf in den Sand steckt, sah sich getäuscht. «Ein Fahrer-Engagement in der WEC konnte ich mir aber zu diesem Zeitpunkt abschminken», sagt die Solothurnerin, die 2009 als erste Frau im deutschen ATS Formel 3 Cup ein Rennen gewann. «Ich hatte zwar ein paar Angebote, aber ich sah es als Chance, den nächsten Schritt in meiner Kariere gehen zu können und in der WEC bleiben zu können.»


So frischte sie den Kontakt zu WRT auf. Für die Belgier griff sie 2013 im Audi R8 LMS ultra in der Blancpain Endurance Series ins Lenkrad. «Ich wurde seinerzeit super im Team aufgenommen», erinnert sich die 40-Jährige. «Was Teamchef Vincent Vosse auf die Beine stellt, war damals schon klasse. Ich habe ihn angerufen und gefragt, ob er eine Möglichkeit in seinem Team für mich sieht. Und dann kam er auf die Idee eines Sporting Directors.»
Charakterlich bringt Frey genau die Mischung mit, die ihre neue Rolle verlangt. Analytisch genug, um sich in Daten zu verlieren – wenn es nötig ist – und pragmatisch genug, um rechtzeitig wieder aufzutauchen und Entscheidungen zu treffen. Motorsport ist kein reines Zahlenspiel, sondern ein Zusammenspiel aus Mensch, Maschine und Moment. Frey versteht alle drei Ebenen. Dazu kommt eine gewisse Schweizer Präzision, die selbst einem chaotischen Rennwochenende eine Struktur verleiht.
Die Freude an der strategischen Herausforderung ist ihr auf alle Fälle anzumerken: «Klar ist es noch einmal etwas anderes, wenn du im Auto sitzt, das Set-up perfektioniert hast, du in der Startaufstellung stehst und abliefern musst. Aber, ich muss sagen, dass ich unglaublich Freude an meiner neuen Aufgabe habe. Ich bin gefordert. Und wenn man gefordert ist, ist das ein gutes Zeichen.»


Frey tauscht also nicht Tempo gegen Entspannung, sondern unmittelbare Kontrolle gegen übergeordnete Verantwortung. Oder anders gesagt: Sie ist jetzt diejenige, die aus Chaos Struktur formt. Während Fahrer über Gripverlust klagen, Ingenieure in Datenbergen nach Mustern suchen und Strategen mit Wetter-Apps um die richtige Prognose ringen, sitzt sie im Zentrum dieses Geflechts. Dort, wo Entscheidungen nicht nur schnell, sondern auch belastbar sein müssen. Entscheidungen, die im Idealfall brillant wirken – und im Zweifel zumindest – mutig genug sind, um getragen zu werden.
Doch das ist noch nicht alles. Frey: «Ich bin nebst den Fahrerbriefings auch für das sportliche und technische Reglement verantwortlich. Das muss ich fast auswendig können. Entsprechend briefe ich das gesamte Team. Auch bei heiklen Rennsituationen, wo die Boxencrew beispielsweise mit Reparaturarbeiten gefordert wird, musst du innert kurzer Zeit die Entscheidungen treffen, was überhaupt gemäss Reglement erlaubt ist.»
Wer also glaubt, der Wechsel bedeute automatisch weniger Adrenalin, unterschätzt die Dynamik des Motorsports. «Gerade beim Lauf in Spa-Francorchamps habe ich einmal mehr gemerkt, dass es megaspannend ist, das Rennen hinter der Boxenmauer mit den Ingenieuren zu koordinieren», sagt Frey. «Da wird einem viel Spontaneität und Flexibilität abverlangt, wenn du plötzlich in Absprache mit den Ingenieuren die Strategie ändern oder eingreifen musst. Und auch vor den gestandenen Motorsportprofis im Fahrerbriefing hinzustehen, um mit ihnen die Rennstrategie durchzugehen, macht die ganze Sache unheimlich spannend. Die durchwegs positiven Rückmeldungen der Piloten sind da eine Bestätigung für meine Arbeit.»
Ihr Wechsel zu WRT ist daher kein Abschied vom Rennsport, sondern vielmehr ein Perspektivwechsel mit grösserer Reichweite. Früher ging es Rahel Frey darum, ein einzelnes Auto ins Ziel zu bringen. Heute priorisiert sie, ein komplexes System aus Menschen, Maschinen und Strategien zum Funktionieren und zum Erfolge zu bringen. Sie ist nicht mehr nur Teil des Rennens, sondern eine der Personen, die dessen Verlauf massgeblich mitgestaltet.
Text Jörg Petersen / Bilder zVg, WRT, Audi